Business Model versus Businessplan – Gedanken zu einer aktuellen Kontroverse

Das Wort „Gründungsförderung“ bekommt aktuell einen Beigeschmack von „Förderschule“. Passend dazu wird das Thema Businessplan zunehmend in die “Igitt”-Ecke gestellt. Keine 20 Jahre nachdem der Businessplan aus den USA kommend bei deutschen Banken Standard wurde, ist er also igitt. Stattdessen reden die modernen Gründungsförderer – seien es Enterpreneurship-Professoren, Accelerators oder Business Angels – verstärkt über das Business Modeling: Darunter versteht man Methoden und Instrumente, mit denen man an Geschäftsidee und dem dazu passenden Geschäftsmodell (Business Model) arbeiten kann.

Die Methode kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn es um eine komplexere Geschäftsidee geht, die in einem breiten Markt umgesetzt werden soll. Zentral ist es dann v.a., einen Kundenutzen zu schaffen, indem man ein verbreitetes und quälendes Problem der Zielgruppe löst.

Um ein Business Model zu entwickeln, …

…werden echte oder digitale Leinwände mit Post-Its beklebt (“Business Canvas”), um die Architektur der Wertschöpfung – vor allem das Zusammenspiel von Partnern in den verschiedenen Stufen der Leistungserstellung – zu modellieren.

…wird die Dienstleistung so lange verändert und reduziert, bis ein neuer einzigartiger Kern herauskommt (“Design thinking”).

…werden die Risiken des Geschäftsmodells herausgearbeitet und empirisch überprüft.

…werden die Key Performance Indicators (KPI) definiert und überprüft (zum Beispiel: Was kostet es, einen Kunden im Internet zu gewinnen und wie viel verdienen wir über einen längeren Zeitraum an ihm?)

…wird ein Ertragsmodell erarbeitet, d.h. es wird in Zahlen erläutert, wie Geld verdient wird.

Typisch für Business Modeling ist es, mit neuen Markteintrittssystemen (z.B. “Freemium”), neuen Bezahlsystemen (digitale Abo-Modelle) oder neuen Partnerschaften eine Geschäftsidee sehr grundsätzlich zu durchdenken und massentauglich („skalierbar“) zu machen.

Business Model statt Businessplan?

Aber wofür brauchen wir dann noch Business planning? Hat der gute alte Geschäftsplan ausgedient? Ich würde sagen: im Gegenteil, und zwar aus drei Gründen:

  1. In der Business Modeling-Welt verliert der Gründer leicht den Überblick – ein Bausteine integrierendes Gesamtkonzept hilft ihm auf der Spur zu bleiben.
  2. Wie sollen Banken, öffentliche Zuschussgeber oder auch private Investoren beurteilen, ob eine Gründung funktioniert und was von ihnen finanziell erwartet wird, wenn sie nur Ausschnitte sehen? Auch sie brauchen ein Gesamtkonzept.
  3. Elemente wie eine Liquiditätsplanung sind in der Nachgründungsphase überlebenswichtig – diese sollten von Anfang an mitgedacht werden.

Mein Zwischenfazit lautet also: Business Model und Businessplan – alles zu seiner Zeit

Das Business Modeling konzentriert sich auf das Geldverdienen: Wofür genau werden die Kunden Geld zahlen? Reicht das, um dauerhaft zu bestehen? Der Businessplan dagegen beschreibt die Geschäftsidee und konkretisiert v.a ihre Details: Was sind Markt und Wettbewerber? Wie soll das Unternehmen organisiert sein? Welche Finanzierung ist nötig? Der Businessplan ist daher wesentlich stärker auf externe Betrachter ausgerichtet (v.a. Finanzierer und Förderer) als die Geschäftsmodellbetrachtung

Business Modeling kann Gründungen tragfähiger, ehrgeiziger und systematischer machen. Die Ansätze überfordern aber auch. Es fehlt der rote Faden durch die unterschiedlichen Modelle. Und sie sind bisher nicht kompatibel mit der üblichen Förder- und Finanzierungsstrukur in Deutschland.

Hier gibt es vielleicht sogar ein Missverständnis, das ich mit einem Zitat belegen möchte. Nach einem Vortrag zu Business camps sprach ich den in Berlin ansässigen Redner mit US-Wurzeln auf seine Meinung zu Businessplänen an. Er antwortete sinngemäß: “For what you need a business plan? For the bank. And banks will never finance start-ups. So it is a waste of time.”

Ich würde sagen: doppelt falsch. Erstens finanzieren in Deutschland Banken immer noch das Gros aller Gründungen – wahrscheinlich rund 100.000 pro Jahr. Und zweitens hat der Businessplan noch andere Aufgaben, als Banker glücklich zu machen.

Der schlechte Ruf des Businenssplans hat Gründe – glauben doch zu viele Bankangestellte und Wirtschaftsförderer an den perfekten Plan, verwechseln Theorie mit Wirklichkeit. Leider finanzieren die Banken in der Regel eher einen perfekten Businessplan als ein tragfähiges Geschäftskonzept. Und zu viele Gründer glauben ihren eigenen Worten im Businessplan mehr als der Realität. Diese Gefahr heißt aber nicht, das wir das Kind mit dem Bade ausschütten sollten.

Bringen wir es also nochmals auf den Punkt:

Der Businessplan hilft dabei, …

…eine Idee und ihre Umsetzung zu Ende zu denken – bis hin zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit.

…die Idee mit Zahlen auf ihre Belastbarkeit zu prüfen.

…diese Klarheit in Zahlen und Worten zu nutzen, um Andere zu überzeugen: Zuschussgeber, Kreditgeber, Eigenkapitalgeber.

…den Plan im Auge zu behalten, wenn die Realität kommt – zwar nicht sklavisch, aber eben mit einer Strategie im Alltagschaos.

Gerade für “Brot-und-Butter-Gründer”, die nicht mit Risikokapital ausgestattet sind, aber auch nicht jahrelang von Haferflocken und Dosensuppen leben können oder wollen, bildet der Businessplan das Rückgrad, um Tragfähigkeit und private wie berufliche Zahlungsfähigkeit zu prüfen. Doch gerade dass sie Familieneinkommen schaffen müssen, macht ihre Businesspläne manchmal schwach – sie rechnen sich schön, haben sich in die Idee verliebt und wollen mit dieser Liebe ihr Umfeld bis hin zur Bank überzeugen.

Fazit: Den Businessplan in die Welt des Bösen, Alten oder Nervigen zu stellen, ist ideologisch verkürzt. Sicherlich wollen viele Gründer vor allem erst ein funktionsfähiges Geschäftsmodell, bevor sie Fremdkaptial aufnehmen. Aber nicht alle können sich diese Reihenfolge so leisten. Und nicht jede Gründung muss noch an der Geschäftsidee arbeiten – die meisten wollen die Dienstleistung und das Geschäftsmodell nicht neu erfinden. Fast alle Gründungen brauchen irgendwann einen Businessplan – auch die Start-ups.

In der perfekten Welt nutzt die Gründerperson bzw. das Günderteam Business Modeling-Tools für die Ideenentwicklung. Steht der Kern des Geschäftsmodells, hilft eine gute Businessplandramaturgie, dies weiter zu durchdenken.

Diskutieren Sie mit – online oder offline: In zehn Städten wollen wir diese Kontroverse mit Gründern und Förderern austragen und dabei auch digitale Lösungen zeigen. Vom 10.9 in Hannover bis zum 20.11.2014 in Stuttgart

www.smartbusinessplan.de/roadshow

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