Gründungsförderung in Deutschland: Entwicklungsland oder neue Gründerzeit? (UPDATE)

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Aufruhr bekannte Zahlen urplötzlich erzeugen können. Aktuell sind die deutschen Gründerzahlen wieder im Gespräch. Das Magazin Gründerszene griff kürzlich eine kleine Anfrage des Grünen-Fraktion im Bundestag auf zum Thema „aktuelle Existenzgründer-Krise“. Ist Deutschland wirklich ein „Entwicklungsland“ beim Thema Gründungen? Und das, obwohl das Bundeswirtschaftsministerium mit der Kampagne „Die Neue Gründerzeit“ gerade Aufbruchstimmung heraufbeschwören möchte?

Interessanterweise stimmt beides ein bisschen. Fakt ist nämlich: Die deutsche Gründungsstatistik wird von den Lobbygruppen aller Seiten jeweils für die eigenen Interessen interpretiert. Weniger Gründungen? Katastrophe! Kaum noch Notgründungen? Super!

Leider schadet diese Debatte der zarten deutschen Gründungskultur, um die sich alle bemühen. Viel wichtiger wäre eine Antwort auf eine längst überfällige Frage: Was für Gründungen wollen wir in Deutschland haben?

Es stimmt etwas nicht mit der Gründungsförderung in Deutschland

Weil ein Konsens für ein solches breit akzeptiertes Leitbild fehlt, passt die aufwändige aktuelle Förderkulisse in weiten Teilen nicht mehr zum Gründungsgeschehen. Der Ruf nach mehr Risikokapital dominiert die Debatte. Gleichzeitig fällt regelmäßig unter den Tisch, dass dieses Segment nicht einmal fünf Prozent des Gründungsgeschehens ausmacht.

Eine aufeinander abgestimmte Gründungsförderung würde zunächst klarstellen, dass JEDE Gründung willkommen ist, um dann im nächsten Schritt zu fragen: WELCHE Gründungen wollen wir WIE fördern? Und sie würde unterscheiden in allgemeine Aufgaben und spezielle Fördersysteme. Neben den Themen für ganz spezifische Zielgruppen wie die Start-ups würde eine solche Gründungsförderung fragen, welche Maßnahmen z.B. speziell auf Notgründungen wirken. Nicht nur Gründercoaching oder Gründungszuschuss sind solche zielgruppengenauen Instrumente. Auch differenziertere Regelungen der Scheinselbständigkeit und der Abbau anderer aktueller Hürden wären ein wirksamer Hebel zur Vereinfachung von Notgründungen.

Dem gegenüber stehen jedoch Querschnittsaufgaben, die Nutzen für alle Zielgruppen schaffen: Angefangen vom Bürokratieabbau z.B. bei der Gründung von Kapitalgesellschaften bis zu den restriktiven Sozialversicherungsregelungen beim Start in die Selbständigkeit – vielleicht eines der größten Gründungshemmnisse überhaupt in Deutschland – hätte eine zukunftsorientierte Gründungsförderung hier segensreiche Betätigungsfelder.

Die Gründungszielgruppen sind längst viel zu ausdifferenziert, als dass ein One-Stop-Shop alten Typs noch sinnvoll wäre. Moderne Gründungsförderung könnte sich statt dessen als Marktplatz begreifen und eine Infrastruktur bereitstellen für ein Nebeneinander von öffentlichen und privaten Dienstleistungsangeboten. An einen solchen grundsätzlichen Ansatz traut sich bislang niemand heran.

Am Ende macht die Kontroverse um die Gründerzahlen damit nur eines deutlich: Es stimmt etwas nicht mit der Gründungsförderung in Deutschland. Einerseits stehen wir schlechter da als vor zehn Jahren, andererseits kann sich niemand ernsthaft die Situation von damals mit den vielen Notgründungen wiederwünschen. Es ist höchste Zeit, festzulegen, wo wir mit dem Gründungsstandort Deutschland hin wollen. Wenn sie diese überfällige Debatte erzwingen, können sogar rückläufige Zahlen eine Chance sein. Die Diskussion ist hiermit eröffnet.

UPDATE: Kürzlich hat auch das IfM Bonn einen Standpunkt zu diesem Thema veröffentlicht. Er enthält insbesondere viele interessante Zahlen.

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