Gastbeitrag: Das spezifische Unternehmertum von Solo-Selbstständigen

Von Hans J. Pongratz

In Wissenschaft und Politik in Deutschland werden die Begriffe Selbstständigkeit, Unternehmertum und Entrepreneurship zumeist gleichbedeutend verwendet – oft in Verbindung mit der politischen Einordnung als Mittelstand. Dabei könnten klarere begriffliche Unterscheidungen es erleichtern, bei der Beratung und Förderung unternehmerischen Handelns gezielter auf einzelne Gruppen und ihre spezifischen Interessenlagen einzugehen. Das soll im Folgenden am Beispiel der Solo-Selbstständigen gezeigt werden.

Ein großer Teil der Gründungen der vergangenen 15 Jahre ist durch Selbstständige erfolgt, die kein Unternehmen im klassischen Sinne (also einen Betrieb mit Beschäftigten) aufbauen wollen. Stattdessen haben sie lediglich nach Aufträgen für sich selbst gesucht, als Alternative zu einer festen Anstellung. Diese Solo-Selbstständigkeit resultiert teilweise aus der Not eines fehlenden Zugangs zu einem Beschäftigungsverhältnis, teilweise aber auch aus der gezielten Wahrnehmung der Chance zu einer Tätigkeit, die besseres Einkommen, größere Gestaltungsfreiheit oder mehr zeitliche Flexibilität verspricht. Beschleunigt wurde diese Entwicklung durch die Ausweitung der Gründungsförderung durch die Bundesagentur für Arbeit (zunächst mit der Ich-AG, später mit dem Gründungszuschuss) und die Jobcenter (Einstiegsgeld) im Gefolge der Hartz-Reformen seit 2003. Der jüngst zu beobachtende leichte Rückgang der Gründungen in Deutschland dürfte auch mit der deutlichen Einschränkung dieser Fördermaßnahmen zu tun haben. Aber die Bedeutung der Solo-Selbstständigen bleibt in vielen Berufsfeldern hoch: Aktuell treffen beispielsweise Honorarärzte in Krankenhäusern oder IT-Freelancer auf günstige Bedingungen.

Aber ist der Einstieg in die Solo-Selbstständigkeit überhaupt mit anderen Gründungen vergleichbar? Und ist ein Beratungsinstrumentarium, das den Aufbau von Unternehmen unterstützen soll, gleichermaßen zur Begleitung dieses Weges geeignet?

Begriffe Selbstständigkeit, Unternehmertum und Entrepreneurship werden meist gleichbedeutend verwendet. Das ist falsch.

Aus Befragungen von Gründenden, die von der Bundesagentur oder einem Jobcenter gefördert wurden, wissen wir, dass sie in vielen Fällen erhebliche Schwierigkeiten mit einem Instrument wie dem Businessplan haben – trotz der professionellen Hilfe, die sie durch Gründungsberatungen oder die IHKs erhalten. Typische Unterschiede zur klassischen Unternehmensgründung liegen beispielsweise im Investitionsumfang, im Innovationsanspruch oder im angestrebten Auftragsvolumen. Mit der Beschränkung des Faktors Arbeit auf die eigene Arbeitskraft kann eben nur ein ganz schmales Marktsegment bedient werden. Akquisition und Marktzugang sind zudem häufig in spezifischer Weise strukturiert: So arbeiten Honorarärzte in der Regel abwechselnd für jeweils nur ein Krankenhaus als Kunden, während viele IT-Freelancer Agenturen nutzen, um an Aufträge zu kommen. Zugleich stellen sich besondere Aufgaben, etwa in der Vermeidung von Scheinselbstständigkeit.

Solche Unterschiede finden in der Praxis von erfahrenen Gründungsberatungen sicherlich Berücksichtigung, soweit sie mit ähnlichen Fällen und Berufsfeldern vertraut sind. Doch in den für Gründungsvorhaben öffentlich zur Verfügung stehenden Informationsmaterialen oder in der Literatur zu Beratungs- und Förderungskonzepten werden sie kaum systematisch behandelt. Berufsverbände bieten vielfach entsprechende Hinweise, die aber für viele Gründende zu spät kommen, wenn sie nicht schon im Planungsprozess Kontakt hatten.

Als Sozialwissenschaftler stellt sich mir die Frage, wie es zu dieser mangelnden Differenzierung in den veröffentlichten Materialien zur Gründungsberatung gekommen ist. Eine wesentliche Ursache scheint mir in der mangelnden Differenzierung zwischen den Kategorien von Selbstständigkeit, Unternehmertum und Entrepreneurship zu liegen. So hat sich in der Betriebswirtschaftslehre international der Begriff Entrepreneurship zur Erfassung des gesamten Gründungsgeschehens durchgesetzt, obwohl ein großer Teil der Personen, die sich selbstständig machen, weder innovative Ansätze verfolgt noch betriebliches Wachstum anstrebt.

Aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive lassen sich die drei Kernbegriffe Selbstständigkeit, Unternehmertum und Entrepreneurship trotz aller Überschneidungen unterschiedlichen Bedeutungsfeldern zuordnen. Selbstständigkeit ist vor allem als eine statistische Kategorie eingeführt, die alle Formen nicht-abhängiger Erwerbstätigkeit kennzeichnet; es geht dabei primär um den formalen Beschäftigungsstatus. Entrepreneurship hat sich dagegen auch im deutschen Sprachgebrauch etabliert zur Kennzeichnung von Initiativen und Projekten mit ökonomisch relevanter Innovationsfunktion. Unternehmertum wiederum kann in einer weiten Fassung generell für die Bereitstellung von Dienstleistungs- und Produktangeboten auf Märkten stehen; sozialwissenschaftlich wurde der Begriff vor allem verwendet zur Charakterisierung der sozial-ökonomischen Elite, welche die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft vorangetrieben hat.

Zentrale Bezugsgröße der Selbstständigkeit ist die eigene Arbeitskraft

Eine systematischere Differenzierung dieser Kategorien ist möglich, indem man sie über ihre spezifische Art der Bezugnahme auf den Markt zueinander ins Verhältnis setzt. In dieser Perspektive erweist sich als zentrale Bezugsgröße der Selbstständigkeit die eigene Arbeitskraft: Solo-Selbstständigkeit beschränkt sich ganz darauf, beim Kleinbetrieb bleibt sie der Maßstab für die fachliche Qualität des Marktangebots und im größeren Betrieb steht sie für die Leitung des Unternehmens. Während Selbstständigkeit also über das Verhältnis der Unternehmerperson zum Faktor Arbeit zu fassen ist, steht im Falle des kapitalistischen Unternehmertums der Faktor Kapital im Vordergrund: Es geht in erster Linie um die Steigerung der Rendite für das eingesetzte Kapital durch das Erkennen und Nutzen von Marktpotenzialen. Mit der Kategorie Entrepreneurship rückt der inhaltliche Aspekt des innovativen Vorhabens (man könnte auch sagen: der Faktor Wissen) in den Mittelpunkt, nämlich die Geschäftsidee als eine unternehmerische Gelegenheit; Entrepreneurship kann deshalb auch unabhängig vom ökonomischen Kontext auf kulturelle oder soziale Projekte übertragen werden.

Mit den Leitdifferenzen des innovativen Projekts (Entrepreneurship), der Rendite für Investitionen (kapitalistisches Unternehmertum) und der persönlichen Leistungsfähigkeit (Selbstständigkeit) lassen sich prägnante Unterschiede im Handlungsfokus von unternehmerischen Akteuren im Allgemeinen wie von Gründenden im Speziellen bestimmen. Sie kennzeichnen mögliche Felder des unternehmerischen Handelns mit ihren charakteristischen Institutionen: Selbstständigkeit etwa ist durch professionelle Normen und berufsständische Organisation geprägt, Unternehmertum vom Finanzmarkt und Entrepreneurship durch wirtschaftspolitische Förderungsstrukturen.

Für die Beratung und Förderung von Gründungen ergibt sich daraus die Frage: Welches unternehmerische Feld ist bei einem konkreten Gründungsvorhaben mit welchen spezifischen Aspekten relevant? So vermeiden Solo-Selbstständige in der Regel das Risiko größerer Investitionen, können aber durchaus Interesse an einem hochspezialisierten innovativen Leistungsangebot entwickeln.

Darüber hinaus bleibt zu beachten, dass Solo-Selbstständige ihr Vorhaben in regelmäßigem Abgleich mit den Optionen einer abhängigen Beschäftigung planen und umsetzen. Sie prüfen, inwieweit sich die erhofften Vorteile tatsächlich realisieren lassen und behalten die Möglichkeit zum Übergang (oder zur Rückkehr) in die Anstellung im Blick. In der arbeitssoziologischen Forschung beobachten wir bei Arbeitnehmern, die im Rahmen von Projektarbeit viel Gestaltungsspielraum erhalten, ein Maß an Eigeninitiative und Engagement, das eine hohe Affinität zu unternehmerischem Handeln aufweist. Im theoretischen Konzept des Arbeitskraftunternehmers wird das in den drei Dimensionen der Selbst-Organisation der Arbeit, der Selbst-Ökonomisierung der eigenen Arbeitskraft und der Selbst-Rationalisierung der Lebensführung abgebildet.

Die ideale professionelle Begleitung von Solo-Selbstständigen vereint Gründungsberatung und Coaching.

Der unternehmerische Umgang mit dem eigenen Arbeitsvermögen scheint eine gemeinsame Anforderung für solche eigenständig agierenden Arbeitnehmer und für Solo-Selbstständige darzustellen. Und so beobachten wir in vielen Berufsfeldern die Angleichung der Arbeitsbedingungen für angestellte und für selbstständige Erwerbstätige: Die Lernmöglichkeiten, die beruflichen Herausforderungen und die persönlichen Entwicklungschancen sind sich oft erstaunlich ähnlich. Die professionelle Begleitung von Solo-Selbstständigen ist deshalb gut vorstellbar als eine Verbindung von ausgewählten Ansätzen der Gründungsberatung mit Elementen des Coachings für die berufliche Karriere.

 

Hans J. Pongratz ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Forschungsschwerpunkten in der Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationssoziologie und in der Analyse des gesellschaftlichen Wandels.Hans J. Pongratz ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Forschungsschwerpunkten in der Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationssoziologie und in der Analyse des gesellschaftlichen Wandels.

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