EU-Überblick Finanzbildungsprogramme: Vielfältig, dynamisch, unkoordiniert
Ganz Europa redet von Finanzieller Bildung, nur hat kaum jemand einen Überblick über die Aktivitäten. Das ändert nun die E&J-Studie „Survey of Financial Literacy Schemes in the EU27“. Im Auftrag der Europäischen Kommission (DG Markt) zeichnet sie erstmals eine Art Karte der dynamischen Finanzbildungslandschaft in der EU. Deutschland gehört demnach zu den fortgeschritteneren Mitgliedsländern, unangefochtener Spitzenreiter ist Großbritannien.
154 Programme konnte EVERS & JUNG in den 27 EU-Staaten identifizieren und systematisch darstellen. Erfasst wurden u.a. Zielgruppen, Inhalte, Methoden und Träger. Bei aller Unterschiedlichkeit sind Trends erkennbar: Über zwei Drittel der Programme sind für Kinder und Jugendliche gemacht, neben Schule und Universität gehört das Internet zu den wichtigsten Vermittlungskanälen (66 Prozent) und die Programme werden meist von öffentlichen oder gemeinnützigen Trägern betrieben. Allerdings entdeckt auch die Finanzwirtschaft das Thema: Schon 15 Prozent der Finanzbildungsinitiativen in der EU werden von Banken oder Versicherern getragen.
Rund ein Viertel aller Programme spricht Personen mit geringem Einkommen oder Bildungsstand an (z.B. „MoneyHelp“ in Großbritannien), einzelne wenden sich an bestimmte Personengruppen: das britische „Money Advice“ etwa an Alleinerziehende, das deutsche „Finanzmanagement in jungen Haushalten“ an schwangere Frauen und der „Finanzführerschein“ an junge Auszubildende in Österreich. In ihrer Methodenvielfalt ähneln sich die meisten Programme, acht Prozent arbeiten rein webbasiert, wie das EU-Programm „Dolceta“. Interessanterweise findet sich mit der Financial Services Authority, dem britischen Pendant zur BAFin, eine Finanzaufsichtsbehörde unter den aktivsten und innovativsten Finanzbildungsträgern in Europa.
In Deutschland sind die Verbraucherverbände und Schuldnerberatungsstellen am eifrigsten. Aus ihrer Hand stammen Initiativen wie „Cashless München“, „vorsorgedurchblick.de“ und „Money-check for Life“. Auch die aktuellen Flaggschiffe wie „Altersvorsorge macht Schule“, an dem neben mehreren Ministerien der Deutsche Volkshochschulverband, die Tarifparteien, die Deutsche Rentenversicherung und der Verbraucherzentrale Bundesverband mitwirken, finden sich unter den erfassten 34 Initiativen in Deutschland. Die Banken und Versicherer sind hier ebenfalls auf dem Vormarsch, u.a. mit dem „Schülerbanking“ der Hamburger Sparkasse.
„Die Studie ist ein erster Schritt“, so Marco Habschick, Projektleiter bei EVERS & JUNG. „Wichtig ist nun herauszufinden, welche Konzepte überhaupt aufgehen. Manches ist gut gemeint, hat aber kaum Breitenwirkung. Und dauernd wird das Rad neu erfunden.“ Habschick zieht auch erste Schlüsse: „Die zukunftsweisenden Programme sind auf jeden Fall handlungsorientiert, begleiten den Verbraucher punktuell und wiederkehrend – also gezielt dann, wenn das Wissen gebraucht wird“, so seine Einschätzung. „Darin liegt auch die Chance für die Finanzberatung.“
Die Studie ist kostenfrei im Download erhältlich.
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